Immer mehr: Kinderpsychiater muss zum Arzt

Für mich ist das wieder so ein typischer Fall des Immer-Mehr-Journalismus: Ein Kinderpsychiater hat herausgefunden, dass die Eltern immer unfähiger werden und die Kinder immer fauler, frecher, fieser. Ja, Tyrannen werden sie, die den Spieß rumdrehen. Zum Glück hat er gleich ein Buch verfasst und reiht sich damit ein in die Ahnengalerie Herrmann&Co. Toll, als Vater und Lehrer fühlt man sich gleich motiviert, wenn man hört wie arbeitsunfähig die deutschen Kinder seien, während in Frankreich, ja da habe man schon lange reagiert…und überhaupt versage die Politik hierzulande total.

Wer untersucht endlich mal diese Klienten? Die Kasse stimmt ja bei denen, daran kann eine lange Therapie nicht scheitern. Oder mal den letzten Blogeintrag hier lesen.

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11 Responses to “Immer mehr: Kinderpsychiater muss zum Arzt”


  1. 1 Hokey Montag,7 Juli, 2008 um 8:48

    Endlich mal jemand, der nicht gleich den Weltuntergang sieht, wenn die pädagogische Apokalypseliteratur zuschlägt. „Immer-Mehr-Journalismus“ ist ein schöner Begriff dafür. Ich denke dann immer an den alten Sokrates, den wir ja gewiss alle kennen („Unsere Jugend ist zu faul, unvernünftig, frech usw. usft.“).

  2. 2 Herr Rau Montag,7 Juli, 2008 um 10:43

    Ich habe von Leuten, die das Buch gelesen haben, bisher nur Gutes darüber gehört. Und es mir gleich bestellt. Sokrates hin oder her: Soll man nur schreiben dürfen, dass sich eh nie etwas ändert?

    Immer-Mehr gefällt mir als Schlagwort gut. Ich weiß nur nicht, ob das zum Buch passt. Wenn ich es gelesen habe, melde ich mich wieder.

  3. 3 markusmaerkl Montag,7 Juli, 2008 um 11:49

    Ich kenne nur das Interview und finde den Denkansatz einfach verkehrt. Der Autor pauschaliert darin sehr stark und finde es schon ein starkes Stück, eine Gesellschaft krank zu reden. Wenn ich meine Schüler anschaue, kann ich nicht sagen, dass sie verwöhnt, faul und tyrannisch seien. Ich finde das Gegenteil ist in den letzten Jahren der Fall: Sie sind motiviert, viele wollen auch gute Leistungen bringen. Das Selbstbewusstsein ist bei vielen Jugendlichen auch nicht zu gering…Problematisch wird es immer, wenn die Eigenverantwortlichkeit kommt – selbst was organisieren, bearbeiten, strukturieren: Da brauchen die Schüler Hilfe. Aber es sollte ja eben eine erzieherische Aufgabe sein, dies anzuleiten und einzufordern. Aber schreib doch, wie dir das Buch gefällt, ineressiert mich sehr!

  4. 4 Hokey Montag,7 Juli, 2008 um 15:23

    @Herr Rau
    Naja, ich kenne eben nur das „Genöle“. Vielleicht stellt sich das anders dar, wenn man selber ein Stück der gesellschaftlichen Entwicklung an Kindern beobachten konnte – da wäre ich natürlich auf die Beobachtungen erfahrener Lehrer gespannt. Das Buch scheint ja nicht umsonst gerade in Lehrerkreisen Reaktionen hervorzurufen.

  5. 5 Herr Rau Montag,7 Juli, 2008 um 20:21

    Ich habe das Buch heute gekriegt, komme aber erst nächste Woche dazu, es zu lesen. Auf der dritten Seite – soweit habe ich schon reingeschmeckt – steht immerhin etwas, das mir überhaupt nicht gefällt: „Mein Ansatz […] ist die einzige Möglichkeit, diesen Trend sinnvoll zu analysieren und Strategien zu entwickeln…“ – Schon nach „einzige Möglichkeit“ hat der Satz verloren.

  6. 6 Herr Rau Freitag,11 Juli, 2008 um 17:56

    So. Ich habe jetzt etwas mehr als die Hälfte des Buchs gelesen, und wenn es sich nach vollständiger Lektüre lohnt, schreibe ich noch mehr. Vorerst: Markus anfängliche Skepsis war mehr als begründet, und ich wundere mich einw enig über die Buchempfehlung, die mir erteilt worden war.

    Winterhoff ist Psychiater, arbeitet mit Psychoanalyse und Freud. Ich bin Laie, aber beachte beides sehr, sehr misstrauisch. Überzeugt mich nicht.
    Dann malt Winterhoff gerne mal die Apokalypse an die Wand. So „gibt es heute kaum noch eine Familie, in der das Zusammleben [Eltern-Kinder] nicht überwiegend nach partnerschaftlichen Regeln erfolgt.“ Ich kenne wenig Familien, aber die, die ich am besten kenne, ist schon mal anders.
    Wie im Kommentar vorhin schon erwähnt, stellt sich Winterhoff dar als einziger, der ein Modell gefunden hat, das die gegenwärtigen Zustände erklärt. Es gibt keinen Index, keine Bibliographie, keine Fußnoten, keinen anderen Forscher, der zur Unterstützung seiner Theorie herangezogen wird. Das sieht nach einer genialischen Einzelansicht aus, die stimmen mag oder nicht. Das Buch ist natürlich kein wissenschaftliches Werk, aber wohl auch kein populärwissenschaftliches. Das macht es für mich wenig interessant.

    Winterhoffs These, dass das Grundübel eine falsch oder nicht entwickelte Psyche des Kindes durch falsche Erziehung ist, mag stimmen. Überprüft wird sie nicht. Er sieht das Problem in falschen Beziehungsmodellen zwischen Kindern und (erziehenden) Erwachsenen – Partnerschaft, Projektion und Symbiose. Da gebe ich ihm völlig recht, diese Modelle, die ich in Ansätzen kenne, halte ich auch für fehlgeleitet.

    Ich lese jetzt mal zu Ende.

  7. 7 markusmaerkl Samstag,12 Juli, 2008 um 8:25

    Ja, aber das sind doch alte Hüte: Bereits Montessori hat hier Anleitungen gegeben, die In-Therapeuten der60/70er (Satir, Minucchin und andere Vertreter der syst. Richtung) sind da auch schon drauf gekommen. Also, da hat jemand sich einfach smart verkauft – und im Sommerloch und Land der allgemeinen Unzufriedenheit über den gesll. Gesamtzustand kommt sowas immer gut. Ein paar Journalisten tun ein übriges, schon läuft das Ding. Ähnlich ja Bueb&Co. Blogeinträge nicht zu vergessen 🙂
    Danke für dein Feedback, bin gespannt über dein Gesamturteil. Note: 4-?

  8. 8 Herr Rau Samstag,12 Juli, 2008 um 16:16

    Ja, die Note kommt hin, denke ich. Ich hab’s ausgelesen, werde darüber bloggen. (Heute im Supermarkt argwöhnisch Mutter und Kind beobachtet, die sich über die einzukaufenden Produkte unterhalten; sofort Partnerschaftlichkeit gewittert.)

  9. 9 GuteMiene Montag,21 Juli, 2008 um 15:27

    Kann man den keine Kinder mehr ohne mahnende Hinweise von dem Rest der Welt erziehen ? Es reicht doch wenn Eltern und einige Andere immer wieder ungefragt „““ die besten Tips“““ geben. Warum nicht nach logischen Verständnis und Bauchgefühl erziehen. Bei meinem Großen hat das hervoragend funktioniert und der Kleine wird wohln auch damit groß werden müssen ;o) und by the way…die meisten Kinder/Jungendlichen sind nicht halb so schlimm wie ihr Ruf, man müßte nur mal genauer hinsehen.

  10. 10 I.Sieg Donnerstag,5 Februar, 2009 um 8:14

    Hallo zusammen,

    ich habe mir de Mühe gemacht, die allgemeine Kritik hier bezüglich Winterhoffs Lektüre durchzulesen.
    Auffällig finde ich, das vordergründig kritisiert wird, das Winterhoff seinen Ansatz selbst als besonders herausstellt. Mir scheint, dass das die Überzahl sehr anstößig findet. Ich empfinde darüber hinaus, das die Leute dadurch die Thematik verlieren und sich zu sehr darauf fixieren, das Winterhoff seinen Ansatz so herausstellt. Mein erster Eindruck war der, das ich vermute, das diejenigen, die so vehement kritisieren, unter Umständen dazu neigen den Spruch zu verwenden, das Eigenlob stinke, was nunmal nicht der Fall ist. Vielen fällt es nach meiner Beobachtung schwer, gesundes Selbstbewusstsein gepaart mit fundiertem Wissen und Erfahrung von Überheblichkeit zu unterscheiden und wer Antworten darauf sucht, warum das so ist, sollte das Buch vom Brigitte Verlag, Ende der Ausreden, mal lesen.
    Übrigens, Gallileo war auch der Einzige, der erkannt hatte, das die Welt rund ist und er hatte es bekanntlich sehr schwer, als er die gesamte Welt von seiner Entdeckung unterrichten und überzeugen wollte. Heute ist es selbstverständlich, das wir wissen, das die Erde rund ist, aber was war damals und was unterscheidet die Kritik an Winterhoffs Thesen streng genommen von eben solchen Situationen?
    Ich empfinde die heutige Gesellschaft als viel zu wenig kritikfähig und darin liegt gewiss ein großes Problem.
    Ein sehr weiser Mann hat mal gesagt: Wenn eine Milliarde Menschen etwas Falsches sagen, bleibt es etwas Falsches!
    Dies gilt auch im umgekehrten Fall.
    Wäre nichts zu kritisieren, gäbe es keine TV-Nannies, derartige Sozialisierungsprobleme junger Erwachsener usw., dann wäre ja alles paletti, ist es aber nicht, und nun?
    Winterhoff, meiner Meinung nach, traut sich wenigstens, er ist mutig etwas zu sagen, was andere nicht sagen können, aus Unwissenheit oder Blindheit zum Beispiel.
    Es ist durchaus interessant, wie sehr sich hier einige zu der Erziehung „Bekannter“ äußern. Damit wird unwillkürlich die Erfahrung, was schon zuviel gesagt ist, vielmehr ist es nur ein oberflächlicher Blick eines Aussenstehenden in eine Familie, mit der therapeutischen intensiven Arbeit von über 20 Jahren auf eine Stufe gestellt. Das sich an dieser Stelle Therapeuten von Lehrern abgrenzen müssen, ist deutlich, denke ich.
    Vielleicht täte es Lehrern im Allgemeinen gut, einfach mal etwas einer neuen Erkenntnis anzunehmen, als damit beschäftigt zu sein, strategisch und prinzipiell etwas abzulehenen. Beide Berufsgruppen können vielmehr voneinander lernen, doch das müssen beide Berufsgruppen erkennen. Ein Lehrer ist eben kein Psychologe und ein Psychologe ist kein Lehrer. Lehrer sollten aber nicht dazu neigen, das Wissen, die tiefen Kenntnisse eines Therapeuten in Frage zu stellen, nur, weil sie sich selbst nicht in diesem Gebiet auskennen, denn das ist töricht.
    Jeder sieht nur durch seine Brille und kein Mensch ist zu Objektivität deshalb in der Lage, aber jeder kann versuchen, abgesehen von seinen eigenen Defiziten, Abstand von der Haltung zu nehmen, dass das eigene Vorstellungsvermögen einen allgemeingültigen Maßstab, gar wissenschaftlich Emprisches ersetze, denn einige vermitteln in der Tat den Eindruck und diejenigen, die das im selben Moment, da sie dieses lesen von sich weisen, sind diejenigen, die sich angesprochen fühlen sollten.
    Ich empfinde hinter der Kritik, die hier im Allg. geäußert wird, vielfach als verletzte Eitelkeit, nach dem Motto- weil ich nicht der/diejenige bin, der das erkannt hat, was Winterhoff erkannt hat, ist das schlecht, was er sagt-super simpel!
    Am gebildetesten sind Menschen, die ihre blinden Flecken erkennen!!!
    Denn heißt es nicht: Ich weiß, das ich nichts weiß!
    Niemand wird klüger dadurch, das er sich Erkenntnissen abwendet. Zu behaupten, das sogenannte Quellen fehlten, empfinde ich auch schlichtweg als hilflose Ausrede, sogar als oberflächlich, denn Winterhoff macht doch kein Geheimnis daraus, das es seine Erfahrungen sind, die er in über 20 Jahren gemacht hat, in seiner Praxis. Nach meinem Empfinden klingt es anmaßend, wenn ein Lehrer dieses Buch mit einer wissenschaftlichen Lektüre vergleicht, was sie ja nicht ist sondern ein Bestseller, ein Buch eben und versucht den Eindruck zu erwecken, ihm wäre diese Lektüre nicht anspruchsvoll genug. Zumindest könnte man in diesem Falle Lehrer-Therapeuten vergleichend feststellen, das ein Winterhoff wenigstens versucht ist, verständlich und hilfeleistend einen Beitrag zu leisten, während Lehrer sich dazu wohl nicht herabließen.
    Ich glaube kaum, das allen Lehrern dieser Vorwurf gefiele.
    Wer klug ist, öffnet sich für neue Denkansätze und wer darüber hinaus tatsächlich etwas verändern möchte an der misslichen Lage, die wohl kaum schön zu reden ist, der denkt nicht nur darüber nach, sondern überprüft die jetzige Lage mal kritisch. Niemand muss sich persönlich wegen irgendetwas angegriffen fühlen und tut er es doch, ist doch auch was dran, an der Kritik. Was ist man für ein Lehrer, wenn man sich um seine Eitelkeit mehr bemüht, als die Sorgen von Kindern, Eltern und Gesellschaft???


  1. 1 Lehrerzimmer » Blog Archive » Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden Trackback zu Sonntag,13 Juli, 2008 um 19:48

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