Nebenverdienst (Teil1)

Sicher gibt es in vielen Kollegien Finanz-Spezialisten, die sich nebenbei das kümmerliche, lächerlich unterbezahlte Lehrergehalt (Lehrer taxieren sich ja immer im oberen Management ein, wenn Vergleiche mit der Wirtschaft gezogen werden) aufbessern wollen. Etwa als Versicherungsmakler oder Finanzberater, die die Kollegen dazu bringen, mehrmals am Vormittag die Börsenkurse zu verfolgen. Jetzt ist es leise geworden, als global wieder mal eine alte Rechenregel bestätigt wird: 1+1 ist eben 2 und nicht 3 oder ein Vielfaches davon.

Ich rufe all den Geschädigten hier ein Gedicht von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1930 zu – eventuell auch zum Auswendiglernen im Rahmen eines fächerübergreifenden Projektes. Oder der kollegiale Finanzberater muss es 1000mal abschreiben:

Wenn die Börsenkurse  fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber  manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese  Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz  los,
den sie brauchen – echt famos!

Leichter noch bei solchen  Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird  die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer  nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen  raus.

Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken  –
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man  das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der  bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat  Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die  Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine  Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja –
nicht nur in  Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen  –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.

Aber  sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg  längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

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3 Responses to “Nebenverdienst (Teil1)”


  1. 1 markusmaerkl Samstag,25 Oktober, 2008 um 12:58

    Das Gedicht stand in einer Mail von Prof. Georg Lind, der es irgendwo ausgegraben hat!

  2. 2 highwaystar42 Montag,27 Oktober, 2008 um 16:56

    Das scheint wohl aus aktuellem Anlass gerade im Internet zu kursieren. Aber ist wirklich Kurt Tucholsky der Autor? Ich kenne mich zwar weder im Finanzmarkt noch in Lyrik gut genug aus um das beurteilen zu können, das ganze erscheint mir aber etwas zu sehr maßgeschneidert.
    Sieht mir eher nach einem Trittbrettfahrer aus.
    Aber trotzdem: nettes Gedicht!

  3. 3 markusmaerkl Dienstag,28 Oktober, 2008 um 22:23

    In der Tat eine spannende Frage – plausibel erscheint folgende Argumentation: http://www.sudelblog.de/?p=378
    Aber Prof. Linds Newsletter ist in jedem Fall ein Abo wert – und das Gedicht ist ja trotzdem sehr humorvoll, höhere Finanzmathematik eben!


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