Pädagogischer Realismus

Jüngst brach diese neue Epoche in der Ausbildung an. Ab dem Zeitpunkt, ab dem Referendare eigenverantwortlich Unterricht übernehmen.

Interessant ist, wie präzise die Referendare jetzt Methoden und deren Schwachstellen analysieren. Erschreckend aber auch der Pessismismus (oder soll ich sagen: Pädagogischer Realsimus)  für mich: Offenere Lernformen können in diesem Schulsystem nicht funktionieren.

Naja, ich hab mal Advocatus diaboli gespielt. In der Diskussion ergaben sich einige Punkte:

  • Die trad. Rahmenbedingungen des Schulsystems erschweren den Einsatz offener Unterrichtsformen (Lernzirkel – eine Referendarin hat keine besonders guten Erfahrungen kürzlich damit gemacht).
  • Jüngsten Studien (Ich kenne die leider nicht) zufolge soll Frontalunterricht die effektivste Unterrichtsmethode sein (Warum sind dann in manchen Jahrgangsstufen 75% der Schüler gefährdet oder sehr gefährdet? Also, Freiarbeit wird dort bestimmt nicht praktiziert…)
  • Bitte kein Ausspielen der Methoden gegeneinander: Jede hat ihren Sinn. Und jede Monokultur ist anfällig für Schädlinge.
  • Wenn einer den Inhalt nicht kapiert hat, nutzt auch die schönste Freiarbeit nix. Eine gewisses Maß an Einführung und Systematik vorher hilft, die Übungsphase in offeneren Formen erfolgreich zu gestalten.
  • Wer Begeisterung der Schüler erwartet, mal etwas puzzlen, kleben, drehen, mit dem Partner aufschreiben und Dosendiktateln zu dürfen, ist einfach naiv. Vielleicht in den unteren Klassen – und das macht ja auch großen Spaß. Trotzdem ist es Teil des Unterrichts mit den bekannten Regeln.
  • Man kann auch diese Phasen bewerten und beurteilen – Thorsten Bohl hat ja hier einiges an Überlegungen bereits vor Jahren vorgelegt. Und das mit neuen Studien unterlegt, was Freinet oder Parkhurst (Daltonschulen) vor Jahrzehnten schon praktiziert haben. Wie soll ich als Lehrer Zeugnisbemerkungen zu Arbeits- und Sozialverhalten machen, wenn ich solche Arbeitsformen nicht ausprobiere und dann auch beobachte.
  • Es braucht ein großes Maß an Selbstdisziplin, diese Beobachtungen  kontinuierlich zu machen (Asche auf mein Haupt).
  • Es braucht aber auch Schüler, denen man diese Übungen zutrauen kann und sich in eigenverantwortlichen Phasen wieder am Riemen reißen: zurück zur Arbeit. Auch dies muss errungen werden mit der Klasse, es ist eben auch ein Lernprozess. Nur wenn ich den als Lehrer nicht wage, sollte ich bitte auch nicht mitjammern, dass kein Schüler zu eigenständigen Arbeiten in Lage ist, man jede Kleinigkeit selber machen darf und überhaupt: „Wahsinn, was heute alles in den Unis sitzt…“.

Letztlich stehen nach solchen Diskussionen immer mehr Fragezeichen als beantwortete Fragen. Wer eine Patentlösung hat, bitte melden. Bis dahin basteln wir in den kommenden Wochen immer wieder mal im Seminar…

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2 Responses to “Pädagogischer Realismus”


  1. 1 Chriz Freitag,27 März, 2009 um 0:14

    Tragischer finde ich es, dass viele Referendare letztlich auch in den Seminaren wieder in die gleiche Lehr-Lernkultur hineinsozialisiert werden, die sie in ihrer eigenen Lernbiographie überwiegend erlebt haben: Frontal geführte, instruktive ‚Wissensvermittlung‘. So wird schnell klar, dass die gelegentlich eingebrachten methodische Spielchen nicht auf eine systematische Veränderung der dominierenden Unterrichtskultur zielen, sondern mehr unter dem Vorzeichen der methodischen Abwechslung zu sehen sind. Die SchülerInnen wissen das natürlich auch…

    Übrigens zum Stichwort ‚Frontalunterricht = effektivste Unterrichtsmethode‘: Mich nervt die ewige Diskussion, welche Unterrichtsmethode die effektivste nun ist.

    1. Unter Frontalunterricht verstehe ich keine Unterrichtsmethode sondern eine Sozialform, die unterschiedliche methodische Formen zulässt.

    2. Die instruktionale Unterweisung (z.B. Lehrervortrag) kann nicht generell gegen offenere Unterrichtsformen im Sinne ihrer vermeintlich höheren Lernförderlichkeit/Effektivität ausgespielt werden. Die Effektivität einer Methode kann sich nur in Relation zu den verfolgten Zielen bemessen lassen. Verfolge ich z.B. das Ziel Orientierungswissen zu vermitteln, ist die instruktionale Unterweisung hervorragend geeignet. Verfolge ich das Ziel, die Schüler zu eigenverantwortlichem Arbeiten zu führen oder sie zu unterstützen, ihre Problemlösungskompetenz zu steigern, so sind andere Unterrichtsmethoden erforderlich. Diese können aber sinnvollerweise wieder durch Phasen instruktionaler Unterweisung flankiert werden.
    Weiter erleben sich lernschwächere SchülerInnen durch stärker lehrerzentrierte Unterrichtsformen besser unterstützt und begabtere SchülerInnen stärker in ihrem Lernen behindert, so dass wir in unserem Unterricht eigentlich stets um entsprechende Differenzierungen bemüht sein sollten (= Binnendifferenzierung). Entsprechende individualisierte Unterrichtsformen/Lernformen sind wohl eher in offeneren Unterrichtsformen zu kultivieren. Die Dominanz der instruktionalen Unterweisung wird also nicht nur begrenzt zur Kompetenzsteigerung der SchülerInnen beitragen, sondern auch den individuellen Lernvoraussetzungen der SchülerInnen nur in geringem Ausmaß gerecht werden können. Hier generell von effektivster Methode zu sprechen, entspricht nicht einem zeitgemäßen kompetenzorientierten Lehr-Lernverständnis.

    3. Damit offenere Unterrichtsformen nicht nur als methodische Spielchen wahrgenommen werden und ihre lernförderliche Wirksamkeit entfalten können, müssen wesentliche räumliche und zeitliche (ggf. auch soziale) Rahmenbedingungen an den Schulen – am besten über engagierte LehrerInnenteams – aufgebrochen werden. Das reduzierte Verständnis vom Unterrichten im Sinne vormittäglicher Wissensvermittlung – ‚gelernt wird zu Hause‘ – muss sich öffnen auf ein Unterrichtsverständnis im Sinne einer kooperativen Gestaltung von Lernumgebungen für ein kompetenzorientiertes, individualisiertes Lernen – ‚gelernt wird in der Schule‘. Dass dies eine Überforderung für einzelne ReferendarInnen wie auch für einzelne Lehrkräfte darstellt und nur als Teil eines umfassenden Schulentwicklungsprozesses in Gang gebracht werden kann, ist auch klar…

    Wir haben die Modus21-Maßnahmen, die Seminare haben junge engagierte ReferendarInnen und Seminarlehrer – woran hakt es noch?

    lg Chriz

  2. 2 Christoph Sonntag,12 April, 2009 um 19:03

    Ich probiere momentan auch kräftig aus, meine Erfahrungen sind aber keinesfalls negativ. Jede Methode hat ihre Berechtigung und die Rückmeldungen der Schüler sind äußerst positiv.

    In Seminaren höre ich ähnliche Kommentare wie oben beschrieben – das ist aber eher eine Lebenseinstellung als eine gemachte Erfahrung.


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